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Wikileaks: Zwischen Wissen und Verantwortung

4. Dezember 2010

Wikileaks-Collage | © sto

Es ist wohl eines der aufsehenerregendsten Ereignisse in diesem Jahr: Die Wikileaks-Enthüllungen. Dabei sind viele Inhalte, die nun als geheim veröffentlicht wurden, eigentlich schon längst bekannt. Dass Dirk Niebel beispielsweise als Entwicklungshilfeminister eine schräge Wahl sei, ist hinlänglich bekannt. Nichts Neues. Im Gegensatz zu den Irak- und Afghanistan-Veröffentlichungen gilt bei Wikileaks nun anscheinend das Prinzip Masse, statt Klasse. Stärker als je zu vor rückt nun aber die Frage der Verantwortung in den Vordergrund. Wieso handelt Wikileaks so und was sind ihre Motive?

Schon der Name der Plattform lässt einen kritischen Schluss zu. Der Name Wikileaks ist an die Wissensplattform und Enzyklopädie Wikipedia angelehnt. Das System ist dabei einfach. Jeder, der sich im weltweiten Internet bewegt, hat die Möglichkeit Artikel online Stellen. Ähnlich funktioniert das auch bei Wikileaks. Jeder, der möchte kann seine vermeintlich geheimen Informationen an Wikileaks weiter geben. Den Quellen sichert die Plattform völlige Anonymität zu. Wikileaks prüft die eingehenden Inhalte und untersucht sie auf ihre Glaubwürdigkeit. Das Ziel dabei: „unethisches Verhalten in Regierungen und Unternehmen“ aufdecken. Und genau hier liegt das Problem.
Wikileaks Verfügt über das Wissen und darf gleichzeitig entscheiden, was ethisch zulässig ist und was nicht. Die Plattform ist also Wächter über die Frage: Darf man das? Dabei steht Wikileaks selber in der Transparenz gar nicht so gut da.

Fehlende Transparenz bei Wikileaks

Im Gegenteil über die Strukturen, Macher und Hintermänner der Plattform ist nur wenig bekannt. Auch wenn man so das Projekt schützen möchte, ist es für den Konsumenten umso schwerer nachzuvollziehen, wer dort veröffentlicht und wie unabhängig das ganze passiert. Transparenz für die Öffentlichkeit, aber nicht bei Wikileaks. Ein krasser Gegensatz, das das Projekt vielleicht schon bald zum Spielball der Machtpolitik werden könnte.

Julian Assange at New Media Days 09 in Copenhagen.

Image via Wikipedia

Einem bestimmten Schema ob rechts oder links will sich Wikileaks übrigens nicht einfügen. Sie seien politisch unabhängig. Doch auch das ist mehr als umstritten. Für die Einen ist Wikileaks so etwas wie der “Robin Hood des Internets”, für die anderen ein wirrer, gefährlicher Anarchist. Die Süddeutsche Zeitung fragt in einem aktuellen Artikel ob Julian Assange, Mitbegründer von Wikileaks und führender Kopf der Plattform, vielleicht selber nur ein “planloser Störenfried” ist? Am Ende kann man nur mutmaßen, denn die Ziele und Motive Assanges bleiben im Dunkeln.
Aber der Schluss ist nicht unberechtigt, hat Wikileaks sich doch in kürzester Zeit zu einem der größten Feinde der USA im Informationszeitalter aufgeschwungen. Die USA sind dabei nur ein Gegner von vielen. Mit der Ankündigung die illegalen Geschäfte von amerikanischen Großbanken zu veröffentlichen zog die Plattform unlängst auch den Zorn der Finanzwelt auf sich. Aktienkurse kann Wikileaks innerhalb kürzester Zeit in den Keller fallen lassen.

Was darf veröffentlicht werden und was nicht? Im Spiegel (30/2010) erklärte Julian Assange, Wikileaks stelle die Öffentlichkeit – im Gegensatz zum klassischen Tagesjournalismus – verifiziert und daher glaubwürdige Quellen zur Verfügung, anhand derer beispielsweise der Wahrheitsgehalt von Nachrichtenmeldungen oder die Transparenz von Regierungshandeln überprüft werden könne. (Quelle) Wer diese “glaubwürdigen Quellen” sind und ob ihre Informationen wirklich wahr sind, kann und will Wikileaks nicht belegen.

Das ist bei einer normalen Tageszeitung anders. Hier werden Informationen recherchiert und ausgewertet. Der Autor weiß dabei stets, von dem die Inhalte kommen und kann sich somit gegenüber Dritten rechtfertigen, warum der Artikel nun so oder so veröffentlicht wurde. Bei den Wikileaks-Daten ist das unmöglich.
Tatsache ist aber auch hier, dass Wikileaks ohne seine Medienpartner wie den Spiegel oder den Guardian nicht so eine Aufmerksamkeit für sein Unternehmen bekommen hätte. Es ist ein Geben und Nehmen und die Medienlandschaft spielt gut mit.

Wer berichtet wie über wen

Wikileaks besitzt die Verantwortung darüber wie und über wen zu berichten ist. So erklärte Julian Assange kürzlich, dass der Name des Leiters eines afghanischen Radiosenders nicht unkenntlich gemacht worden sei, da dieser sich von der US-Armee habe bestechen lassen, pro-amerikanische Berichte zu senden. („Süddeutsche Zeitung“ (SZ), 26.8.2010., Quelle)

Die Plattform macht keinen Unterschied, ob es sich bei den “geheimen Veröffentlichungen” um nationale Lobby-Streiterrein oder um international bedeutsame Geheimdienstberichte handelt. Keine Frage: Was Diplomaten von deutschen oder europäischen Politikern halten ist nicht nur unwichtig, sondern auch abstrus. Interessant und gefährlich wird es für Wikileaks erst, wenn es um internationale Konflikte geht. Ein Beispiel ist der Naheosten. Karim El-Gawhary berichtet für die Taz in seinem Arabesken-Blog darüber, was die neusten US-Depeschen für die arabische Welt bedeuten.

Es ist eine ehrenwerte Tätigkeit, der Julian Assange mit seinen Kollegen nachgeht. Informationen müssen für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Doch dürfen sie nicht die Grundrechte des Einzelnen bedrohen. Es muss abgewägt werden, was publiziert werden darf und was nicht. Auch wenn dies oft nur ein schmaler Pfad ist, muss dieser Weg doch immer gegangen werden. Wikileaks tat das bei seiner letzten Veröffentlichung nicht. Masse statt Klasse. Wikileaks ist Richter über Schuld und Unschuld, über vernünftigem und moralisch verwerflichem Handeln. Dieses Privileg steht der Plattform nicht zu.

3 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. inka Permalink
    13. Dezember 2010 20:59

    Ich bin da leider nicht ganz deiner Meinung, vor allem was Assanges Motive angeht, die angeblich im Dunkeln bleiben. Sind sie nicht. Er hat mehr als einmal, ganz klar und deutlich durch die Presse zu verstehen gegeben warum er das macht was er macht und seine Vorgehensweise gerechtfertigt. ( siehe New Yorker, zum Beispiel und sein Konzept des “scientific Journalism”)

    Ich finde es wichtig die Aktivitaten von Wikileaks mit der “normalen” Presse zu konfrontieren und kritischer mit dieser letzteren zu sein. Wie Lasagne sagt: es ist unverzeilich das funf Leute es schaffen so viel “geheimes” Material zu veroffentlichen, und das die konventionale Presse sowas in Jahrzehnten nicht geschafft hat.

    Haben “demokratische” Regierungen das Recht Informationen zu verheimlichen die unser aller Leben und unsere Entscheidungen beeinflussen koennen? Ist die Entscheidung von konventioneller Presse, bestimmte Sachen nicht zu veroffentlichen nicht genauso unethisch?

    Kann und sollte politischer Aktivismus ( und was Wikileaks macht, muss man wohl so nennen) jemals neutral sein?

    Ich haette es wichtig gefunden das du in den Artikel auch die Seite der Verteidiger Wikileaks einfliessen laesst, und dich mehr mit ihren Argumenten auseinandersetzt. Das Thema ist meiner Meinung nach etwas mehr als Pressefreiheit: es geht um die Verantwortlichkeit der Politiker fuer Ihre Taten geradezustehen in der Oeffentlichkeit. Und das herauszufordern ist auch Aufgabe des konventionellen Journalismus.
    Salut !

    Lies mal!!!

    http://www.newyorker.com/reporting/2010/06/07/100607fa_fact_khatchadourian?currentPage=8

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